Tragikkomödie „Der Besuch der alten Dame“ regt zum Nachdenken über Moral an PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Fabian Ransleben   
Samstag, den 29. Juni 2013 um 11:23 Uhr

Fast ausverkauft war die Aula des Werner-von-Siemens-Gymnasiums am Dienstagabend. Auf der Bühne lief die Premiere der Tragikkomödie „Der Besuch der alten Dame" des Schweizer Schriftstellers Friedrich Dürrenmatt.

Mehrere Wochen haben die Elftklässler der Literaturkurse von Kristin Hense und Carolin Bürger das Stück einstudiert, das von Korruption, Versuchung und Spekulation handelt. Der Wunsch nach Rache für ein altes Unrecht führt zu einem Besucht der alten Dame Claire Zachanassian (Anna Lena Beyer) in ihrer verarmten Heimatstadt Güllen.

130627 - Literatur

(Bildtext: Der Besuch der alten Dame (3. v. r.): In ihrer Heimatstadt entstand jede Menge Trubel. Foto: Angelika Hoof) 

Als sie dort im Alter von 17 Jahren von dem 19-jährigen Güllener Alfred Ill (Juilius Däbritz) ein Kind erwartet hatte, leugnete dieser die Vaterschaft und gewann mit der Hilfe bestochener Zeugen den Prozess. Entehrt, wehrlos und arm musste Zachanassian ihre Heimat verlassen, verlor ihr Kind und wurde Prostituierte. Später gelangte sie jedoch durch die Heirat mit einem Ölquellenbesitzer an ein riesiges Vermögen.

Bei ihrer perfekt geplanten Rückkehr wird sie von der Stadt zunächst wie ein fernes Götzenbild verehrt, gewinnt nach und nach an Einfluss und wird schließlich zur Herrin über Leben und Tod. Claire macht den Güllenern ein ebenso verlockendes wie unmoralisches Angebot: eine Milliarde, wenn der Kopf von Alfred Ill rollt.

Mit grandioser Körpersprache versinnbildlichen die Schüler die Güllener, die wie Gefangene dastehen, unschlüssig zu handeln und Charakter zu zeigen. Ihre Körper schreien nach Hilfe (und gleichzeitig nach neuem Wohlstand). Obwohl die Bürger Claires Forderung zunächst entrüstet ablehnen, beginnen sie daraufhin, mit Blick auf einen möglichen Vermögenszuwachs zeitgleich über ihre Verhältnisse zu leben. Alle, vom Bürgermeister (Kerstin Gabriel), Arzt (Lynn Henkhaus), Polizist (Lennart van Haalen) bis hin zum Pfarrer (Lennart Huke) lassen sich vom „Wohlstandsbazillus" infizieren.

Das Drama ist nun nicht mehr aufzuhalten. Alfred Ill, der sich mit seinem unausweichlichen Schicksal konfrontiert sieht, gewinnt nach anfänglicher Feigheit durch seine Haltung und Einsicht an Größe. Er entwickelt ein moralisches Bewusstsein, ergibt sich aber schließlich in sein Schicksal, den Tod, herbeigeführt durch die Bürger von Güllen.

Die Reaktion der Güllener zeigt die menschliche Bereitschaft, sich auch an Unmenschliches zu gewöhnen. Der Vorteil, der dabei herausspringt, muss nur groß genug sein. Der Beweis ist erbracht: Geld regiert die Welt.

Die bewegende Tragikkomödie brachte die jungen und älteren Besucher am Dienstag zum Schmunzeln und Nachdenken. Eine weitere Aufführung findet heute um 19.30 Uhr in der Aula des Gymnasiums statt.

Quelle: WN Gronau, 27.06.2013